Imperia — you let fire in
Dystopische Romantasy von Cleo B. Moon · Leseprobe gratis
Imperia
you let fire in
Jara kämpft zwischen Wahrheit, Freiheit und gefährlicher Begierde. Eine Welt hinter den Mauern, die alles verändert — und eine Anführerin, die bereit ist, ihre eigene Tochter zu opfern.
Jetzt bestellen · 17,99 €Auch im Buchhandel erhältlich.
↓ Leseprobe als PDF herunterladen„Töte es!"
Nukleare Kämpfe haben die Welt zugrunde gerichtet. Ein Virus später leben nur noch Frauen auf diesem Teil der Erde. Was mit dem Rest der Welt passiert ist? Wissen wir nicht. Wir fragen nicht. Es interessiert uns nicht. Wir haben den Fortschritt der Zeit nicht vergessen. Die Frauen von Imperia haben das hoch entwickelte, moderne und gesunde Puzzle unserer Gesellschaft wieder zusammengefügt. Ganz allein. Neuste Technologien machen es uns möglich, uns trotzdem fortzupflanzen. Selbstredend, dass es nur das weibliche Erbgut ist, was Bestand hatte. Diese jämmerlichen Wesen, die sich Männer nannten, wurden als Einzige von der Seuche dahingerafft. Zu schwach. Nicht imstande, Widerstand zu leisten. Übrig geblieben sind wir. Frauen. Alle ausgebildet, perfekte Kriegerinnen zu sein. Stark. Widerstandsfähig. Effizient. In der Akademie lernen wir natürlich, wie das Leben früher aussah. Zu welchen Göttern die Menschen beteten, wie die Welt in Kontinente geordnet wurde und auch wie fehlerhaft sie früher war. Angefangen bei den lächerlichen Wesen. Männern.
Ich erinnere mich an die Fotografien in den Schulbüchern. Hagere, knochige Wesen, deren Haare wie fettige Zotteln vom Kopf hängen. Das Virus hatte es leicht, kein Wunder. Wir folgen unserer Leaderin Brave, meiner Mutter. Wer folgt, erhält Privilegien. Und ich erhalte viele davon, bin die Effizienz in Person, die Beste meines Jahrgangs. Früher oder später lernen wir alle, was es bedeutet, ein funktionierendes Mitglied von Imperia zu werden. Gehorchen, dienen und niemals, niemals zu viele Fragen stellen. Eine Waffe werden, kämpfen und die Fesseln des eigenen Gewissens ablegen, wenn nötig. Eine alte Erinnerung drängt sich mir auf. An ein Mädchen aus meinem Team. Vor einigen Jahren hatte sie gefragt, warum wir alle kämpfen lernen müssten, wenn da draußen doch keine Gefahr lauerte. Man hatte ihr nur geantwortet, dass man nie wisse, was hinter den Grenzen sei. Ich habe das Mädchen nie wiedergesehen. Nur ihr Name ist geblieben, in meinen Gedanken. Lor.
Und so halte ich meinen Mund. Wüsste nicht, was ich sagen oder fragen sollte. Mir gefällt es zu kämpfen. Mir gefällt es zu gewinnen. Die Ordnung in meinem Leben, die geregelten Bahnen, die meine Emotionen nehmen. Alle Mädchen durchlaufen die Akademie. Ist sie zu hart, bist du zu weich. Wie ein zentnerschwerer Groschen klirrt die Erinnerung in meinem Kopf an den Moment, in dem ich lernte, dass es besser ist, seine Emotionen zu kontrollieren und sein Herz an nichts und niemanden zu verlieren. Eine Rückschau, die sich durch meinen Schutzpanzer sprengt und meine Augen brennen lässt. Ich versuche den Schmerz wegzublinzeln, als er mich überrollt wie eine Monsterwelle.
Mein Hund steht schwanzwedelnd im Prüfungsraum vor mir. Was soll das? Warum ist er hier? Auch wenn ich mir nichts Besseres vorstellen könnte, als meinen besten Freund immer an meiner Seite zu haben, normalerweise sind keine Haustiere in der Akademie und auf dem Trainingsgelände erlaubt. Ich höre das leise Surren der Kameras, die Bilder aus dem Trainingsraum direkt zu den Funktionärinnen und Trainerinnen übertragen, und das erste Mal fühlt es sich nicht gut an, beobachtet zu werden. Warum? Ein beklemmender Druck breitet sich in mir aus und ich weiß nicht weshalb. Ich liebe den Trainingsraum, genieße den Nervenkitzel, dabei beobachtet zu werden, wie ich eine Gegnerin auf die Matte schicke. Amicus kommt auf mich zu und ich vergrabe meine schwitzigen Finger in seinem Fell. Irgendwas stimmt nicht. Das schreien mir meine ausgebildeten Kriegerinnensinne förmlich entgegen. Die Lautsprecher knistern, als eine Anweisung ertönt.
„Töte es!" Es. Die Anweisung wiederholt sich kreischend und kratzend in meinem Kopf. Töte es. Er ist kein Es. Für mich ist er einfach alles. Mein bester Freund. Mein engster Vertrauter in diesem Leben. Wie betäubt starre ich in seine treuen Kulleraugen. Aufrichtig und voller Liebe strahlen sie mich an. Die pure Loyalität auf vier Pfoten. Und ich soll was? Ihn töten? Meine Gedanken rasen, sprengen die Ränder meines Seins, auf der Suche nach einer Lösung. Es ist, als würde sich die Zeit dehnen, rasen und gleichzeitig stehen bleiben. Wer würde sterben? Er oder ich? Die Schraubzwinge um mein Herz zieht sich zu, denn ich weiß, dass das hier eine Prüfung ist. Einer muss sterben. Keine der Übungen ist verhandelbar. Sie müssen ohne jede Diskussion absolviert werden und das weiß ich.
Während meine Glieder Beton und Pudding zugleich sind, wird mir die Entscheidung abgenommen. Amicus gibt ein markerschütterndes Jaulen von sich. Er krümmt sich zusammen, Blut läuft ihm aus dem Maul, seine panischen Augen suchen meine. Meine Beine geben nach und es fühlt sich an, als würden sie brechen, so steif und unbeweglich fühle ich mich. Ein bitterliches Winseln reißt mich aus meiner Versteinerung und ich kralle meine Finger in sein weiches Fell. Sein warmer, weicher Körper zittert in meinen Händen. Meine Kehle ist zugeschnürt, hinter meinen Augen pocht es. Ich vergrabe mein Gesicht in seinem Fell. Rieche den vertrauten Duft von Freundschaft. Amicus … Sein Name bedeutet Freund. Gift! Ich kann es riechen. Er verblutet von innen. Ich kenne die Anzeichen, natürlich kenne ich sie. Sie haben ihn vergiftet! Ein weiteres Wimmern durchzuckt seinen Körper. Er leidet. Erst jetzt bemerke ich das Messer, das unweit von mir liegt. Es verschwimmt vor meinen Augen. Ich gebe den Kampf gegen die Tränen endgültig auf.
Das kann nur ein Albtraum sein. Das kann nicht echt sein. Darf nicht echt sein. Amicus beginnt zu röcheln und ich blicke auf ihn herab, sein Blick ist flehend. Ich greife nach dem Messer. Mein Herz hämmert so gegen meinen Brustkorb, dass ich kurz denke, es bricht aus mir hervor. Meine Lungenflügel versagen mir fast den Dienst. Ich hebe das Messer. Weiß genau, wo sein vergiftetes Herz sitzt. Und ich tue, was ich für unmöglich gehalten habe. Ich stoße das Messer in sein vergiftetes Herz. Dann ist es vorbei. Vorbei …
Amicus' Körper erschlafft in meinem Schoß. Erlösung und Hölle zugleich. Töte es!, donnert es in meinen Gedanken, immer und immer wieder. Am liebsten würde ich schreien, demjenigen den Hals umdrehen, der hierfür verantwortlich ist. Mich zusammenrollen, mich in die Arme von Davina werfen und nie wieder aufhören zu weinen. Stattdessen stehe ich auf, werfe das Messer von mir und starre in die Kameras. Weil es das ist, was man von mir verlangt. Mich loszusagen von Gefühlen und emotionalen Bindungen.
„Bestanden. Tadellos, sehr schön, deine Mutter wird stolz sein", erklingt die Stimme von Generalin Dolores. Meine Mutter? Sie kann unmöglich etwas hiervon wissen! Ich lernte diese Lektion mit elf Jahren. Sie lehrte mich, nichts und niemanden zu lieben, und zeigte mir, dass es möglich war, das Herz bei lebendigem Leib einzumauern.
Davina, mein Kindermädchen, schloss mich in die Arme und weinte die Tränen, die bei mir längst versiegt waren. Als sie mir das Blut von den Händen und dem Gesicht wusch, sah ich es nicht. Und als sie mir zuflüsterte, dass ich immer vorsichtig sein müsste, hörte ich sie kaum. Und als sie mir sagte, ich solle das freundliche und zugewandte Mädchen bleiben, was ich war, das seinen Hund liebte, fühlte ich nichts. Und als sie mir zuflüsterte, dass alles anders war, als es schien, verstand ich sie nicht. Doch was ich verstand, war, dass ich Davina danach nie wiedersah. Sie verschwand und ich fragte nicht wohin. Mein Herz war verschlossen und mein Mund verstummt. Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter zu mir kam, mir über den Kopf strich und sagte: „Ich bin so stolz auf dich, Jara." Und irgendwo ganz tief in mir wusste ich, dass es falsch war, doch die Worte fühlten sich an wie Balsam.
„Lass uns los. Erschaffen wir eine weitere Riege von Einheitssoldatinnen."
Ich laufe durch das Regierungsviertel, um meine Freundin Tohru abzuholen. Sie und ihre Mutter Meena leben im angrenzenden Viertel der Künstlerinnen. Meena hat es damals nicht ins Regierungsviertel geschafft, sie war keine Elitekämpferin. Tohru hingegen hat das Zeug dazu, das ist auch der Grund, warum wir beide den jüngeren Schülerinnen von Imperia einmal die Woche Rede und Antwort stehen dürfen. Sie und ich sind die zwei besten Kämpferinnen der letzten Jahrgänge. Frisch ausgebildet und jederzeit kampfbereit. Vorbilder. Jetzt haben wir die Chance, unser Wissen an die jüngere Generation weiterzugeben. Es macht nicht wirklich Sinn, dass ich Tohru daheim abhole, da ich ja bereits im Regierungsbezirk lebe, doch ich genieße die Extrazeit mit meiner Freundin. Tiefe Freundschaften machen uns schwach, sagt meine Mutter. Deshalb hat sie ein Auge darauf, dass ich nicht allzu viel meiner Zeit darauf verschwende. Und wenn ich ehrlich bin, mag ich das Künstlerinnenviertel. Es ist bunt im Vergleich zum Rest von Imperia. Die anderen Bezirke bestehen aus Beton, Marmor und Stein. Imperia ist weiß, hart und klinisch. Dafür aber auch klar, sicher und berechenbar.
Das Künstlerinnenviertel sticht hervor wie bunte Farbkleckse in einer sonst kühlen Welt. Die Visios werden ebenfalls von den Künstlerinnen entworfen. Das sind die Plakate, die auf Bildschirmen in ganz Imperia zu sehen sind. Sie erinnern uns an die zehn Ceptas von Imperia. An unsere Errungenschaften, Stärke und Treue zu unserem Reich. Lächelnd betrachte ich eines der bunten Bilder, das auf einem Bildschirm in der grauen Betonwand perfekt zur Geltung kommt. Eine Faust reckt sich kämpferisch in die Luft und auf einem roten Hintergrund steht gut erkennbar: „Frauen sind das starke Geschlecht!"
Im Künstlerinnenviertel entsteht alles, was nicht einfach nur weiß und grau ist. Wenn ich ehrlich bin, passen Meena und Tohru perfekt in dieses Viertel. Zu tiefe Freundschaften machen dich schwach, sie machen dich angreifbar für Verrat. Traue nichts und niemandem. Nur dir. Und mir, ertönt die warnende Stimme meiner Mutter in meinem Kopf, als ich an die Tür meiner Freundin klopfe.
Tohru reißt die Tür auf und wirft sich kichernd in meine Arme. Das macht sie jedes Mal, mich umarmen, meine ich. Es ist ein ungewohntes Gefühl. Wir umarmen uns nicht. Das macht schwach und rührselig. „Du solltest das wirklich lassen", sage ich in einem missbilligenden Tonfall. Dabei stört mich die Nähe zu meiner Freundin eigentlich nicht wirklich, aber es fühlt sich ein wenig wie etwas Verbotenes an. „Ach, du liebst das doch", sagt sie leichthin und streckt mir die Zunge heraus. „Lass uns los. Erschaffen wir eine weitere Riege von Einheitssoldatinnen." Tohru hüpft über die Schwelle und wirft die Tür hinter sich zu.
„T", stöhne ich genervt. „Hör auf, so etwas zu sagen. Irgendwann landest du noch im Randbezirk für dein dummes Gerede." „Ach was, dafür kann ich viel zu gut kämpfen." „Sei dir da mal nicht so sicher." Ohne dass ich es verhindern kann, frisst sich die Sorge um meine Freundin wie Säure in meine Eingeweide. Tohru ist viel zu unbedacht. Sagt viel zu oft, was sie denkt, und was sie denkt, stufe ich als gefährlich ein. Ich weiß das, und obwohl ich sie schon hätte Hunderte Male melden müssen – für das, was sie sagt, macht und mir erzählt –, tue ich es nicht. Irgendwie hat diese kleine, taffe Frau es geschafft, sich in den Klumpen zu schleichen, der mein Herz darstellt.
„Mach dir keine Sorgen", sagt Tohru und reißt mich damit aus meinen Überlegungen. „Ich pass schon auf." „Also, wenn das aufpassen ist, möchte ich nicht wissen, wie es aussieht, wenn du es nicht tust." Tohru macht eine wegwerfende Handbewegung und geht neben mir durch das Künstlerinnenviertel. „Weißt du schon, wo du hinziehst? Sie bieten dir sicherlich etwas im Regierungsviertel an", frage ich und werfe ihr einen Seitenblick zu. „Hab mir noch absolut keine Gedanken gemacht, aber ich will auf keinen Fall ins Regierungsviertel. Das ist der Oberalbtraum aus Marmor." Sie schüttelt heftig den Kopf und sieht mich entsetzt an. „So schlimm ist es gar nicht", widerspreche ich. „Na klar", sagt Tohru sarkastisch.
Davor stehen einige junge Mädchen in Cargohosen und Polohemd. Auf der Uniform prangt groß das Emblem von Imperia. Eine Silhouette eines Frauenkopfs eingerahmt von einem Lorbeerkranz und gekrönt von einem Stern. Die Silhouette erinnert mich ziemlich stark an meine Mutter, Timere. Die Leaderin von Imperia. Einige von den Schulmädchen stehen vor dem riesigen Betonklotz, auf dem in geradlinigen Lettern „Diene und gehorche. Für Imperia. Für die Frau." steht. Als Tohru und ich auf die meterhohen Eingangstüren zugehen, werden wir durchlöchert von bewundernden Blicken und das Getuschel beginnt. Nichts Neues für uns. Tohru schüttelt den Kopf und ihre Miene wirkt genervt. Wir sind die Idole dieser Mädchen und Tohru hasst es.
„Reiß dich zusammen!", zische ich ungehalten. Sie ist viel zu unvorsichtig. „Schon mal überlegt, wie es aussehen würde, wenn man das wirklich versuchen würde?", fragt sie. Ich werfe ihr einen fragenden Blick zu. „Na, wie soll das gehen? Zu-sammen-reißen – ist man jetzt zusammen oder reißt man auseinander?" „Hör einfach auf damit und erfülle deine Aufgabe", erwidere ich abgespannt. Leise beginnt ein Gefühl in meiner Magengrube zu köcheln. Wut. Tohru macht mich immer wieder so wütend. Wut ist ein nützliches Gefühl, das einem niemand in Imperia abtrainiert, es sorgt immerhin dafür, dass Kiefer brechen, Gegner zu Boden gehen und Faustschläge härter werden. „Aye, aye, Chefin", sagt Tohru und kichert.
Wir gehen auf das große Podest der Eingangshalle zu. In wenigen Minuten werden hier Hunderte junger Mädchen stehen und uns mit leuchtenden Augen ansehen. Vor dem Rednerpult bleibe ich stehen und drehe mich zu Tohru, mit dem Rücken zum Publikum. „Bitte denk darüber nach, was du sagst", sage ich in versöhnlichem Tonfall. „Sei nicht so todernst." Tohru wuschelt durch ihre kurzen Haare, die abstehen wie kleine Igelstachel. Ihre Lippen sind zu einem verschmitzten Lächeln verzogen. „Mir ist es verdammt ernst. Ich sollte dich melden." „Dann tu's doch." Ihre Augen beginnen zu funkeln und sie sieht mich herausfordernd an. Ich gebe nur ein Grummeln von mir.
„Ich weiß genau, dass du mich nicht melden würdest", sagt sie dann in einem weicheren Tonfall, kommt auf mich zu und legt ihre Hand auf meine. Mir entgeht nicht, dass sie darauf achtet, dass weder Kameras noch die Wächterinnen, die Stodias, uns sehen können. „Wir sind Freundinnen. Du bist meine beste Freundin. Ich würde sterben für dich." Ich stöhne angesichts ihrer Worte. Fängt sie schon wieder damit an! Niemand stirbt hier. Warum auch? Es gibt schon seit Jahrzehnten keinen Krieg, keine Bedrohung mehr. Das ist zumindest, was meine Mutter sagt. Warum muss dann jede Frau kämpfen können? Der Gedanke blitzt völlig unvermittelt durch meinen Kopf. „Niemand stirbt hier. Verstanden? Und jetzt. Hör. Endlich. Auf. Damit." Ich betone jedes meiner Worte und hoffe, mein Blick unterstreicht mit Nachdruck meine Aussage. „Schon gut", sagt Tohru und gibt endlich klein bei.
Eine laute Glocke ertönt und sorgt dafür, dass sich alle Schülerinnen unterhalb des Podests versammeln. Schweigend, in unzähligen Linien stehen sie aufgereiht da und starren erwartungsvoll zu uns. Ich trete an das Pult und spreche in das Mikrofon: „Die zehn Ceptas von Imperia." Meine Stimme hallt glasklar und hart wie der Marmor, aus dem der Boden besteht, durch die Eingangshalle. Sobald ich verstumme, erheben sich Hunderte von Stimmen, die die Ceptas von Imperia unisono wiedergeben.
- Frauen sind das starke Geschlecht.
- Frauen, und allein Frauen, haben sich durchgesetzt.
- Gehorche, diene und kämpfe für Imperia.
- Leaderin Brave ermöglicht uns ein glückliches und erfülltes Leben.
- Uns mangelt es an nichts, das verdanken wir nur uns und Leaderin Brave.
- Jede einzelne Frau ist ein wichtiger Bestandteil Imperias.
- Unser Körper ist unser Tempel, deshalb nehmen wir dankbar die Gaben und Vitamine, die uns Imperia schenkt.
- Sei niemals schwach, sonst landest du im Randbezirk.
- Im und hinter dem Randbezirk gibt es nichts außer den Tod.
- Gefühle machen dich nicht stärker, sie schwächen dich.
Ich spreche die zehn Ceptas laut mit, während ich bemerke, dass Tohru neben mir nur ihren Mund bewegt. Sie würde lieber ihre Zunge verschlucken, anstatt diese Worte laut über ihre Lippen zu quälen. Das hat sie mir überdeutlich zu verstehen gegeben. Ich müsste sie melden. Doch ich kann es nicht, auch wenn ich immer wieder kurz davor gewesen bin.
„Was war die schnellste Zeit, die ihr gebraucht habt, um eine Gegnerin auf die Matte zu befördern?" Eine gute Frage. Tohru kann darauf keine unüberlegte, dumme Antwort geben. Einfach nur Fakten. „Eine Sekunde vielleicht", gebe ich steif zurück. „Ebenso", sagt Tohru und beugt sich zum Mikro. Ihre Stimme ist gelangweilt.
„Was sagt ihr zu Männern?", fragt eine andere Schülerin. „Jämmerliche Wesen", antworte ich sofort. Tohru beugt sich zum Mikro und ich versteife mich. „Schwierig zu sagen, da es ja nur Frauen gibt." „Aber es gibt doch Bilder in den Geschichtsbüchern und Filmaufnahmen von früher", widerspricht das Mädchen. „Und wer sagt, dass diese der Wahrheit ent…?", setzt Tohru an, aber ich trete ihr auf den Fuß und schiebe sie unauffällig zur Seite. „Ja, jämmerliche Wesen jedenfalls. Das schwache Geschlecht, absolut kein Wunder, dass wir Frauen uns durchgesetzt haben." Zustimmendes Raunen geht durch die Menge.
Als Tohru ihren Teil übernimmt, hört sie sich krank an, als müsse sie gleich kotzen, und ich stoße sie missbilligend mit dem Ellbogen an. Doch sie ändert rein gar nichts. Als wir fertig sind, kann sie nicht schnell genug das Akademiegebäude verlassen. „Kommst du mit zum Essen, bevor wir zum Mittagstraining müssen?", fragt Tohru und ihre Gesichtszüge wirken angestrengt. „Ja okay."
Wir laufen schweigend nebeneinanderher. Beide zu müde, um etwas zu sagen, und ich frage mich, was genau mich mit dieser rebellischen Frau verbindet. Sie ist, seit ich denken kann, an meiner Seite, hat von klein auf meine Freundschaft gesucht, und das, obwohl ich mich nicht für sonderlich sympathisch halte. Eigentlich sind wir viel zu unterschiedlich, um befreundet zu sein. Sie hinterfragt Dinge, die man nicht hinterfragen sollte. Aber im Gegensatz zu mir ist Tohru sympathisch, und obwohl es ein Risiko ist, ist sie mir wichtiger als meine Verpflichtungen.
Als wir bei ihr daheim ankommen, duftet es herrlich. Meena ist eine fantastische Köchin und ich genieße es, Zeit mit den beiden zu verbringen, auch wenn es mich jedes Mal aufwühlt. Meena nimmt zuerst Tohru in den Arm und drückt ihr einen Kuss auf den Scheitel, bevor sie mich kurz in eine Umarmung schließt und uns bedeutet, Platz zu nehmen. „Wie schön, dich zu sehen, Jara." Ich kaue seufzend einen Löffel des Gemüsegerichts, bevor ich antworte. Es schmeckt fruchtig und ist cremig. „Es schmeckt köstlich. Danke", sage ich zufrieden. Meena lächelt mich warm an und fragt dann Tohru über ihren Vormittag aus und ich sitze da in Gedanken versunken. Ist das normal? Verhalten sich so Mutter und Tochter? Meine Mutter und ich jedenfalls nicht. Oder sind sie schwach? Sie sind schwach. Sie müssen es einfach sein, denn hier ist so viel Gefühl. Zu beobachten. Zu spüren. Zu fühlen. Also ist das Schwäche?
„Die schwächste Stelle der Gesellschaft hat man besser nahe bei sich. Hab deine Feinde immer ganz genau im Auge."
Das nervtötende Piepsen meines Weckers reißt mich aus meinen unruhigen Träumen. Monoton hämmere ich auf den Wecker, um ihn zum Schweigen zu bringen. Für einen Moment fühle ich mich so unendlich kraftlos. So als wäre ich die ganze Nacht gerannt. Vielleicht bin ich das ja. In meinen Träumen renne ich oft. Renne und renne und renne, ohne mich nur einen Zentimeter zu bewegen. Entschlossen schüttele ich diese Gedanken ab und verstaue sie sorgfältig ganz hinten in meinem Kopf. Mit neuer Entschlossenheit ziehe ich meine Trainingsklamotten an, schnüre die Schuhe fest und ziehe mir die Kapuze ins Gesicht. Ich durchquere leise die großen Flure unseres Anwesens und es kommt mir vor, als würde ich ewig laufen, bis ich endlich ins Freie trete. Irgendetwas in mir sagt, dass ich hier nicht hergehöre. Ach ja?! Und wo gehörst du bitte hin? Meine Zweifel sind Schwachsinn. Das weiß ich, und trotzdem kommen sie manchmal. Heften sich an mich wie Sirup. Dann fange ich an zu rennen. Sehr schnell. So schnell ich kann. Weg von all den erdrückenden Gedanken, die mich in letzter Zeit immer häufiger überfallen. Um mich herum ist es noch dunkel, aber es beginnt gerade zu dämmern.
Meine Lungen brennen von der kühlen Morgenluft, doch meine Beine sind noch lange nicht an dem Punkt angelangt, mir den Dienst zu versagen. Das Brennen in meinen Lungen, das langsam zum Schmerz wird, lenkt mich vom Rest der Welt ab. Ich merke gar nicht, wie weit ich schon gerannt bin. Meine Schritte donnern erbarmungslos auf den Boden und ich renne durch die „Betonhölle". So nennt Tohru Imperia immer. Erst als ich die Grenzmauern der riesigen Kernstadt unter meiner Handfläche spüre, erwache ich aus meiner Trance.
Was passiert nur mit mir? In letzter Zeit endet mein Weg immer und immer wieder hier. Ich denke gar nicht darüber nach, und doch scheint mich irgendetwas an diesem Ort anzuziehen. Zumal ich stets an dieselbe Stelle der Mauer laufe. Ohne es verhindern zu können, spüre ich eine Gänsehaut, die sich auf meinem Körper ausbreitet.
Imperia lebt davon, dass jeder seine Aufgabe hat. Ich lebe im Regierungsviertel, das wird nur den Frauen von uns zuteil, welche die besten Leistungen erzielen. Es gibt noch vier weitere Viertel und einen Randbezirk. Dieser Randbezirk müsste genau hier hinter der Mauer liegen, die momentan kühl unter meiner Handfläche ruht. Ein komischer Gedanke, dass der Randbezirk genau hinter dem Regierungsviertel – dem wichtigsten aller Viertel – liegt. Als ich es einmal wagte, meine Mutter danach zu fragen, lächelte diese nur milde und antwortete mir mit kühlem Blick: „Jara, die schwächste Stelle der Gesellschaft hat man besser nahe bei sich. Hab deine Feinde immer ganz genau im Auge."
In diesem Bezirk leben die Menschen, die bei den Prüfungen schlecht abschneiden oder sich nicht an die zehn Ceptas halten. Dieser Bezirk ist stark bewacht und es ist strikt verboten, ihn zu betreten. Die Gänsehaut auf meinem Körper wird stärker und ein kalter Schauer durchfährt mich. Dort würde ich niemals landen, weil ich es niemals so weit kommen lassen würde.
Wir im Regierungsbezirk sind die Elitekämpferinnen. Wir agieren wie Maschinen, kämpfen fast übermenschlich. Dafür werden wir trainiert. Jeden Tag! Unsere Ernährung ist strikt geregelt und wir stehen unter ständiger ärztlicher Beobachtung. Wir werden im Nahkampf und Fernkampf trainiert, mit und ohne Waffen. Wir mussten alle lernen, Hunger und Durst zu leiden und währenddessen hundertprozentige Leistung zu erbringen. Wenn es zu hart für dich ist, bist du zu weich. Fast als würde man uns auf einen Krieg vorbereiten? Verdammte Zweifel! Schnauze! Ruhe! Das ist Tohrus Schuld, mit ihrem Geschwurbel verdreht sie mir den Kopf. Schnell reiße ich meine Hand von der Mauer.
An der Rückseite von unserem riesigen Anwesen klettere ich den Balkon hoch. Die steinernen Säulen stellen dabei kein Hindernis für mich dar. Oben angekommen, stoße ich schwer den Atem aus und ringe nach Luft. Meine Lungen brennen so heftig, dass ich Blut schmecke. Atemlos schleppe ich mich unter die Dusche und spüle alle störenden Gedanken und verbotenen Gefühle weg. Nach der Dusche binde ich meine Haare zu einem strengen Zopf – so wie es Mutter gern hat – und verlasse in meiner Kampfmontur mein Zimmer. Im Esszimmer angekommen, sehe ich meine Mutter am Tisch sitzen. Konzentriert starrt sie auf irgendwelche Unterlagen. Als sie mich bemerkt, schiebt sie diese schnell zur Seite. Will sie etwas verbergen? Haben Mütter und Töchter Geheimnisse?
„Guten Morgen, Jara. Wie hast du geschlafen?" „Guten Morgen, Timere. Ich habe gut geschlafen", antworte ich und lasse mich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder. „Jara, du weißt doch, dass ich es nicht leiden kann, wenn du mich so nennst", tadelt meine Mutter mich. „Ja, Mutter!" „Du siehst abgekämpft aus. Geht es dir wirklich gut?" „Es geht mir bestens." Ich versuche mich an einem Lächeln. Das besänftigt meine Mutter. „Was ist für heute geplant?" „Ich muss gleich los, zum Kampftraining." „Du musst erst etwas essen!" „Ich weiß." Deshalb schlinge ich wortlos mein Frühstück herunter. Heute haben sie mir einen nahrhaften Haferbrei auf den Tisch gestellt, künstlich gezüchtetes Obst aus den Gewächskomplexen im Landschaftsbezirk hebt sich farbig von dem Einheitsbrei ab. Ich verstehe nicht, was mit mir passiert, aber es fällt mir schwer zu schlucken und jeder Bissen bleibt mir fast im Hals stecken.
„Lüg mich nicht an, Jara!", sagt sie bedrohlich leise. Ihr Tonfall ist misstrauisch. „Was soll das hier werden, Mutter? Eine Art Verhör?", rutscht es mir heraus. „Ich sorge mich um dich! Ich bin deine Mutter!" Timeres Züge werden minimal weicher. „Na gut, ich habe mich gestern beim Training nicht ganz so gut angestellt. Ich habe nicht alle Kämpfe gewonnen", nuschle ich gespielt betroffen. Nichts davon ist wahr. „Du weißt ja, ich bin sehr selbstkritisch." An dem Gesichtsausdruck meiner Mutter kann ich sehen, dass es genau das ist, was sie hören wollte.
„Dann kannst du es heute besser machen." Mit diesen Worten steht sie auf, nimmt die Unterlagen in die Hand, läuft Richtung Ausgang und wendet sich mir nochmals zu. „Ach ja, da fällt mir ein, ich werde morgen früh in den Randbezirk fahren. Ich schätze, ich werde ein paar Tage dort sein", sagt sie. „Kommst du klar?", schiebt sie noch nach. Eher weil man das von einer Mutter erwartet, nicht weil sie wirklich glaubt, ich käme nicht allein zurecht. „Natürlich", sage ich lächelnd und frage mich insgeheim, ob Meena Tohru jemals allein lassen würde. Und könnte Tohru vor ihrer Mutter Schwäche zugeben und Zweifel offen ansprechen? Ich erahne die Antwort. Doch was sich wie mit kleinen Nadeln in meine Haut bohrt, ist meine ganz persönliche Antwort auf diese Frage. Sie lautet: Ich kann es nicht.
„Niemals würde ich meiner besten Freundin etwas antun. Niemals!"
Ich fokussiere mich ganz auf meine Gegnerin, schaue ihr prüfend in die Augen und sehe ihren nächsten Schritt förmlich voraus. Keine schlechte Kämpferin, aber auch nicht besonders gut. Ich weiche ihr aus und ihre Faust schlägt ins Leere, während meine mit voller Wucht ihren Kiefer trifft. Blut spritzt und ihr entfährt ein Stöhnen. Und so was soll für Imperia kämpfen! Angewidert lächle ich ihr und ihrer offensichtlichen Schwäche entgegen. Ich liebe es zu kämpfen und seit dem Frühstück haben auch endlich die quälenden Gedanken aufgehört. So kann ich nun volle Leistung bringen. Ich ramme meiner Kontrahentin das Knie in den Bauch, reiße ihren Kopf an den Haaren zurück und lasse sie wie einen nassen Sack auf den Boden fallen. Dort bleibt sie liegen – blutüberströmt, mit einem Auge, das bereits anschwillt, und einem Brustkorb, der sich angestrengt hebt und senkt. Ich spüre nur eins: Triumph!
„Das reicht, Jara. Danke für diese erstaunliche Darbietung", lobt mich unsere Trainerin. Der Rest der Gruppe applaudiert, nur das Mädchen, das am Boden liegt und sich vor Schmerz krümmt, klatscht nicht in die Hände. „Was dich angeht", wendet sich unsere Trainerin dem Mädchen zu. „Das war mehr als schlecht!" „Ich weiß. Tut mir leid." Meine Kontrahentin stöhnt und ein Schwall Blut läuft ihr aus dem Mund. „Entschuldige dich nicht. Mach es besser! Du musst noch härter trainieren." Ich habe keine Ahnung, wie sie heißt. Sie war nichts weiter als ein Objekt, das ich bekämpfen sollte. Und das habe ich gemacht.
Tohru wirft der Frau einen mitleidigen Blick zu und ihr Gesicht ähnelt dabei einem zerknüllten Stück Papier. Und da sind sie wieder, diese Gedanken. Ausgelöst durch die Abscheu, die ich in Tohrus Gesicht sehen kann. Ist es normal, dass ich andere krankenhausreif schlage und nichts dabei fühle?
„Jara!" Verwirrt schaue ich zu der Seite, von der die Stimme herkommt. „Was geht denn bei dir ab? Ich hab gerade ungefähr hundertmal deinen Namen gerufen", sagt Tohru. Sie ist eine der besten Kämpferinnen unter uns und mir ebenbürtig – zumindest nahezu. Aber sie ist viel weniger blutrünstig und in ihrem Gesicht erkenne ich Reue. So deutlich, dass es sogar jemand wie ich, der dieses Gefühl nicht kennt, versteht. „Sorry, ich war abgelenkt. Was gibt's?"
„Sie tut mir ganz schön leid. Die Kleine kämpft noch nicht so lange, weißt du. Leila ist gerade mal siebzehn Jahre alt und hat noch nicht viel Erfahrung mit solchen Kalibern wie dir." Ich schlucke. Ich habe einen Teenager, der ungefähr acht Jahre jünger ist als ich, blutig geschlagen. Jetzt meldet sich mein Gewissen doch zu Wort. Ich ersticke es im Keim. „Ist das Mitleid?", frotzele ich Tohru entgegen. „Schon gut", sage ich und lache dabei. „Pass auf, dass du so was nie zu anderen oder zu laut sagst." „Jaja, schon gut, Mama! Ich sage es ja nur zu dir! Ich vertraue dir, Jara", flüstert mir Tohru zu.
„Das kannst du!" Das ist ein Versprechen. Und während ich es ausspreche, wird mir klar, dass Tohru auch anders ist. Sie ist mehr Mensch als Maschine. Sie kennt Mitgefühl und lebt es. Vielleicht weiß Tohru, was Liebe ist, vielleicht lieben sich ihre Mutter und sie? Ich heiße nicht ohne Grund Jara. Jara steht für Kraft und dafür, dass ich auserwählt bin, eines Tages Anführerin zu sein. Gerade als ich Tohru von meinen Gedanken und Zweifeln erzählen will, meldet sich unsere Trainerin zu Wort.
„Es gibt noch einen Kampf! Die Anweisung kommt von ganz oben." Ihre Stimme schneidet durch die Luft. Also von meiner Mutter! Oder ihrer sadistischen Generalin Dolores. „Jara gegen Tohru", presst die Trainerin angespannt hervor. Ein Raunen geht durch die Menge, das unsere Trainerin mit einer klaren Handbewegung zum Verstummen bringt. Ungläubig schaue ich Tohru an, die mir zuzwinkert. Ich verstehe, was sie mir sagen will, ohne dass sie etwas sagen muss. Sie will, dass ich den Kampf gewinne, und sie wird sich zurückhalten, damit es schneller geht. Gerade als wir in die Mitte treten wollen, stoppt uns die Trainerin. „Das ist nicht alles!", sagt sie und ich sehe, dass sie ihre Lippen hart aufeinanderpresst.
„Es ist ein Kampf um Leben und Tod. Nur einer wird diesen Kampf überleben. Es ist alles erlaubt", weist sie uns emotionslos an. Mir zieht es den Boden unter den Füßen weg. Ich habe es befürchtet. Tohru hat ihren Mund einmal zu oft aufgemacht, einmal zu oft unüberlegt gehandelt und einmal zu oft ihre rebellische Haltung zu offenkundig zur Schau gestellt. Tohru war Dolores oder Timere schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Jetzt hatten sie jedenfalls genug.
Ich schmecke Galle und mir wird bewusst, dass auch das eine Prüfung ist. Es ist meine Schuld! Ich habe zugelassen, dass mir Tohru zu wichtig wurde. Obwohl ich wusste, dass es mich schwächen würde. Obwohl ich wusste, dass es eine Gefahr für uns beide sein könnte. Ich denke an meinen Hund und der bittere Geschmack in meinem Mund brennt. Ich schlucke. Noch bevor ich reagieren kann, tritt Tohru vor.
„Niemals! Das mache ich nicht!", ruft sie zornig aus. So habe ich sie noch nie gesehen. Ihre Augen lodern wie Feuer und sie reckt entschlossen ihr Kinn vor. „Ich habe mich wohl verhört", zischt die Trainerin. Mein Körper ist ein Erdbeben. „Nein!" Tohru steht da wie eine Säule der Erde höchstpersönlich.
„Ist das eine Weigerung?" Die Stimme der Trainerin ist von Eis durchzogen. „Ganz richtig! Ich werde das nicht tun!", sagt Tohru schlicht und seelenruhig. Alles in mir schreit. NEIN!!! Sie darf das nicht tun! Sie bringen sie weg. „Du weißt, was das heißt, Tohru?" „Ja, das weiß ich." Tohrus Stimme klingt so klar wie Glas. Unmissverständlich wie die zehn Ceptas. „Bist du dir sicher? Vielleicht gibt es noch eine Möglichkeit, das abzuwenden!", flüstert die Trainerin. Kurz bricht eine Regung durch ihre Fassade. Besorgnis? Missfallen? „Ich bin mir sicher!"
Ungerührt. So steht sie da. Die kleine, zierliche Tohru, die einem süßen Mäuschen ähnelt und gleichzeitig kämpft wie ein Blitz, unerwartet, schnell. Standhaft und voller Überzeugung blickt sie unserer Trainerin entgegen, während ich sie nur ungläubig anstarre. Ich bin zur Salzsäule erstarrt, kurz davor zu zerbrechen. Sie nehmen sie mir weg! Sie kommt in den Randbezirk. Ich kann an nichts anderes denken. Unsere Trainerin schüttelt ungläubig den Kopf. „Niemals würde ich meiner besten Freundin etwas antun. Niemals!", ruft Tohru. Mein Magen wird zu einem steinigen Klumpen.
„Nein!", schreit Tohru aus voller Kehle und ich kann sehen wie die Wut in ihren Augen lodert. „Ich habe genug davon, meinen Mund zu halten!" „T, bitte", flüstere ich zittrig. Sie hat mich nie aufgegeben, seit unserer Kindheit nicht. Eine heimliche Freundschaft, die nicht gebilligt war und doch tiefe Wurzeln in mir geschlagen hat. Das erkenne ich jetzt.
Tohru lächelt mir milde entgegen. „Ich hab genug von diesem System! Bringt mich doch in den Randbezirk! Alles ist besser, als sich gegenseitig blutig zu schlagen. Alles ist besser, als nur wie eine Maschine zu funktionieren." Sie schaut sich wutentbrannt im Raum um. „Glaubt ihr, ich weiß nicht, dass ihr uns überall beobachtet? Glaubt ihr, ich weiß nicht, dass ihr unser Essen vergiftet?", sagt sie ganz ruhig. Wieder geht ein Raunen durch die Runde. „Halt sofort deinen Mund!", schreit unsere Trainerin. „Oder ich muss zu anderen Mitteln greifen!" „Versuch es doch!", funkelt Tohru sie kampflustig an und erhebt ihre Fäuste. „Ihr seid so dumm!", wendet sie sich an unsere Kameradinnen. „Dass ihr das alles noch länger mitmacht. Dass ihr wirklich glaubt, das sei normal. Ihr tut mir leid!"
Entsetzt schüttle ich den Kopf. Sie werden sie umbringen! Kann das alles stimmen, was sie sagt? Wahrheit oder Lüge? Wahrheit oder Lüge? Wahrheit oder …? Ich habe mich nicht einmal getraut, diese Gedanken zu Ende zu denken – und Tohru … sie spricht sie einfach aus. Einfach so. In mir knackt und bröckelt es. Risse ziehen sich durch meine Weltanschauung. Es macht mir Angst und ich wage es nicht, näher hinzusehen.
„Oh, ich hasse dieses System, ich hasse diese Regierung und ich hasse jeden einzelnen Tag in meinem Bezirk! In dieser Hölle aus Stein und Beton! Das ist doch kein Leben! War es nie! Bringt mich weg! Ihr tut mir einen Gefallen damit!", schreit sie den Kameras entgegen. Es fehlt nicht viel und sie geht in Flammen auf. In Brand gesetzt durch reine Wut.
Unsere Trainerin rennt ungehalten auf meine Freundin zu und ich tue nichts weiter, als ihr dabei zuzuschauen. Tohru ist schneller. Sie sieht zwar nicht so aus, aber sie hat viel Kraft. Sie ist klein, wendig und hat eine gute Kampftechnik. Ein gezielter Schlag von ihr lässt unsere Trainerin zu Boden gehen. Dann werden die schweren Metalltüren des Kampfsaals aufgeworfen und schwer bewaffnete Stodias betreten den Raum. Die Menge schiebt sich weg von Tohru. Ich bin die Einzige, die wie angewurzelt stehen bleibt. Tohru lächelt den Wachen ätzend entgegen. Ein letztes Mal dreht sie sich zu mir um und schaut mich befreit an.
„Du trägst deinen Namen auch nicht ohne Grund!", sagt sie schlicht. Dann macht sie für die Kameras einen Knicks, bevor die Wachen sie unsanft packen und mit sich zerren. Ein letztes Mal blickt sie über die Schulter und nickt wissend, als ich mit den Lippen die Worte forme:
„Ich finde dich!"
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